Ein langer Blick zurück...
Geschichte - Langfassung
VGeschichte der Schifferbrüderschaft – Fast 400 Jahre „Freunde in der Not“
1635, mitten im Dreißigjährigen Krieg und in Zeiten von Pest und bitterer Armut, entschieden sich die Lauenburger Schiffer, nicht länger nur zuzusehen. Sie gründeten eine Brüderschaft, zahlten gemeinsam in eine Kasse ein und sorgten dafür, dass kein Schiffer und keine Familie im Todesfall allein dastand.
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Oder, wie es der alte Spruch aus dem Schweinsledernen Buch sagt: „Freunde in der Noht, gehen 20 auf ein Loht, möge es aber ein harter Stand sein, so gehen 100 auf ein Quentelein.“ – ein Satz, der bis heute zu uns passt.
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Vor 1635 – Salz, Stecknitz und die Elbe
Lauenburg war schon lange vor 1635 ein wichtiger Punkt im Netz der Hansezeit: Hier traf das Salz aus Lüneburg auf die Elbschifffahrt Richtung Hamburg und Nordsee. Über Stecknitz und Delvenau ging es nach Lübeck, von dort weiter in die Ostsee.
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Die Stecknitzfahrer transportierten Salz und andere Waren auf dem Kanal zwischen Lauenburg und Lübeck.
Auf der Elbe sorgten Lauenburger Schiffer dafür, dass die Ladung weiterkam – bergauf wie bergab.
Dieser Handel brachte Arbeit, aber auch Risiken: Havarien, Krankheiten, Kriege und unberechenbare Zeiten gehörten dazu. Wer da in Not geriet, brauchte mehr als nur Glück – er brauchte Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Historischer Kontext:
Eine Urkunde vom 24. Juli 1390 belegt erste Schifffahrten auf der Stecknitz.
1635
Die Gründung 1635 – Eine Antwort auf Krieg und Pest
Als sich 1635 Schiffer und Schiffsbedienstete zur Brüderschaft zusammenschlossen, war die Lage ernst. Krieg und Seuchen hatten viele Familien verarmt, ein anständiges Begräbnis war für manche kaum zu bezahlen.
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Die Schiffer reagierten hanseatisch-pragmatisch:
- Sie gründeten eine Brüderschaft mit klaren Regeln.
- Sie legten fest, dass jeder in eine Kasse einzahlt.
- Sie verpflichteten sich, verstorbene Mitglieder zu begraben und die Angehörigen zu unterstützen.
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Faktisch war das eine frühe Form von Lebens- und Sterbegeldversicherung – nur eben ohne Konzern, sondern getragen von Nachbarn, Kollegen und Freunden.
Kuriosum:
Nach der Gründung 1635 soll es in Lauenburg keine Seuchen mehr gegeben haben – die Chroniken schreiben dies der Brüderschaft zu!
Das Schweinslederne Buch – Ordnung muss sein
Das Herz der historischen Ordnung ist das „Schweinslederne Buch“, ein Band, der seit dem 17. Jahrhundert Satzungen, Beschlüsse und Strafen enthält. Darin steht, wer aufgenommen werden darf, welche Beiträge zu zahlen sind und welche Pflichten mit der Mitgliedschaft verbunden sind.
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Dazu gehören unter anderem:
- genaue Regelungen zur Aufnahme neuer Brüder,
- Bestimmungen zu Beiträge, Armengeld und Sterbegeld,
- Verhaltensregeln bei Versammlungen und Festen – bis hin zu Strafen bei „übermäßigem Bierkonsum“.
Kurz gesagt: Was andere mündlich regeln, wurde hier früh sauber notiert. „Wat in’t Book steiht, dat gellt“ – und das bis heute.
Die Brüderschaft als Solidargemeinschaft
Der Kern der Brüderschaft war immer die gegenseitige Hilfe im Todesfall. Aus den Einzahlungen wurde ein Sterbegeld finanziert, das den Hinterbliebenen half, ein würdiges Begräbnis zu bezahlen und die erste Zeit zu überbrücken.
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Das Prinzip:
- Jeder zahlt nach festgelegten Regeln ein.
- Fällt ein Bruder, hilft die Gemeinschaft – zuverlässig und ohne lange Anträge.
- Die Brüderschaft begleitet den Verstorbenen mit Fahne und Brüdern auf seinem letzten Weg.
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So entstand eine Kultur, in der Pflichtbewusstsein und Fürsorge zusammengehören – hanseatisch nüchtern, aber mit viel Herz.
1787 zahlten etwa 45 Steuerleute, 22 Ewer-/Gellen-Schiffer und 115 Schiffsmänner ihren Beitrag.

Wandel der Schifffahrt – Die Brüderschaft bleibt
Mit den Jahrhunderten änderte sich die Schifffahrt grundlegend: Dampfschiffe, Motorisierung, Kanäle und neue Transportwege veränderten das Leben an der Elbe. Manche traditionelle Fahrten verschwanden, andere Routen gewannen an Bedeutung.
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Trotz all dieser Veränderungen blieb die Schifferbrüderschaft bestehen:
- Die Zahl und Art der aktiven Schiffer änderte sich, die Idee der Brüderschaft blieb.
​- Die Versammlungsorte wechselten, die Schipperhöge als jährliche Zusammenkunft blieb der feste Anker.
Wo früher fast alle Mitglieder ihren Lebensunterhalt ausschließlich auf der Elbe verdienten, finden sich heute auch Schiffer, deren beruflicher Alltag anders aussieht – aber der Bezug zur Tradition ist ungebrochen.
Die Ältermänner und Schreiber – Kontinuität über Generationen
Geführt wurde und wird die Brüderschaft von den Ältermännern und unterstützt von den Schreibern, die Protokolle, Kassenbücher und Korrespondenz führen. In den alten Listen lassen sich die Namen über Jahrhunderte verfolgen, oft mit wiederkehrenden Familiennamen.
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- Die Ältermänner tragen Verantwortung für Ordnung, Aufnahme, Kasse und Außenvertretung.
- Die Schreiber sorgen dafür, dass nichts verloren geht – von der Gründungszeit bis in die Gegenwart.
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​So ist eine durchgehende Linie entstanden, die bis heute reicht: Jede Generation übernimmt ein Stück Verantwortung von der vorherigen – nicht nur das Amt, sondern auch die Haltung.
​So ist eine durchgehende Linie entstanden, die bis heute reicht: Jede Generation übernimmt ein Stück Verantwortung von der vorherigen – nicht nur das Amt, sondern auch die Haltung.

Die Schipperhöge – Wenn Protokoll auf Eiergrog trifft
Die jährliche Schipperhöge zeigt vielleicht am deutlichsten, wie ernst und heiter hier zusammenkommen.
​- Vor der geöffneten Lade werden Beiträge entrichtet und Listen geführt.
- Der 1. Ältermann eröffnet die Versammlung mit dem Aufklopfen der Lade und einem historischen Text aus dem Schweinsledernen Buch.
​- Es folgen Rechnungsprüfung, Wahlen, Anträge – alles nach klaren Regeln.
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Danach aber ist auch Zeit für das „Miteinander“:
- Festbälle mit Musik und traditionellen Schiffertänzen.
- Der feierliche Fahnenumzug durch die Stadt, begleitet von der „Lustigen Person“ und Kindern mit Schiffsmodellen.
​- Anekdoten, Lieder und – ganz wichtig – ein ordentlicher Eiergrog zum Abschluss.
Die Schipperhöge ist damit jedes Jahr ein Stück lebendige Geschichtsschreibung – nicht nur Rückblick, sondern auch Fortsetzung.
Armengeld und Fürsorge – Mehr als nur Zahlen
Neben dem Sterbegeld spielte in der Geschichte der Brüderschaft auch das Armengeld eine wichtige Rolle. Wer in Not geriet, konnte aus der gemeinsamen Kasse Unterstützung erhalten – Schiffer ebenso wie Witwen und Waisen.
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Die alten Rechnungsbücher zeigen:
- regelmäßige Zahlungen an Bedürftige,
- genaue Vermerke, wer wann wie viel erhielt,
- und eine klare Haltung: Hilfe ja – aber verantwortungsvoll, damit die Kasse für alle reicht.
Diese Tradition der Fürsorge prägt das Selbstverständnis der Brüderschaft bis heute – auch wenn die konkreten Summen und Formen sich gewandelt haben.
Fast 400 Jahre später – Was bleibt
Heute ist die Schifferbrüderschaft von 1635 ein lebendiges Stück Stadtgeschichte und zugleich eine moderne Solidargemeinschaft. Sie ist kein Museum, sondern ein Zusammenschluss von Menschen, die sich bewusst in eine lange Reihe stellen.
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Was geblieben ist:
- der Gedanke, füreinander einzustehen – besonders im Todesfall,
- die Pflege von Ritualen wie Schipperhöge, Fahnenumzug und Trauerbegleitung,
- der Stolz darauf, diese Tradition hanseatisch nüchtern und mit einem Augenzwinkern weiterzutragen.
Wenn Sie heute der Brüderschaft begegnen, treffen Sie auf Geschichte, die nicht nur erzählt, sondern gelebt wird – Jahr für Jahr, Generation für Generation.
Epilog
Die Geschichte der Schifferbrüderschaft ist auch die Geschichte Lauenburgs – von einer Handelsstadt der Hansezeit über Krisenzeiten zu modernem Tourismus. Die Brüderschaft hat sich gewandelt, ist aber Kern ihres Wesens treu geblieben: gegenseitige Hilfe, Verehrung der Traditionen, Versammlungsfreiheit, und das Fest als Ausdruck von Gemeinschaft. Dass sie heute noch existiert, ist nicht Selbstverständlichkeit, sondern das Verdienst Generationen von Schiffern und ihrer Unterstützer.